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125 Jahre Chortradition in Bestensee

„Der Männerchor trinkt Bier vom Faß…“ beginnt ein altes Chorlied. Nun, mit den verstaubten Vorstellungen von Bierseligkeit und Vereinsmeierei hat das moderne Chorleben wenig gemein. Sicher macht Singen Durst und unsere Sänger sind keine Kostverächter. Aber in erster Linie macht Singen Spaß und - es ist sehr gesund! Gemeinsames Singen im Freundeskreis, in einem Chor fördert nicht nur Kreislauf und Atmung, sondern ist auch eine Wohltat für die Seele. Eine Wohltat, die in unserer heutigen oft streßbeladenen Zeit unschätzbar ist!

Als der Bestenseer Männerchor gegründet wurde, gab es Bestensee in seiner heutigen Gestalt noch gar nicht. 25 Gründungsmitglieder hoben am 23.  Februar 1923 in der Gaststätte „Morgenstern“ (dem späteren Gasthaus zur Linde) den Arbeiter-Gesangverein Männerchor "Deutsches Lied" Groß Besten aus der Taufe. Bei der Gründungsversammlung waren auch einige Sänger vom Männerchor "Harmonie 1892" aus Klein Besten, damals noch ein eigenständiger Ort, anwesend. So hat der Chorgesang in Bestensee also schon 125 Jahre Tradition. Und auch im heutigen Ortsteil Pätz wurde 1920 ein Männerchor gegründet. Der Männerchor Groß Besten probte dann jeden Mittwochabend 2 Stunden  unter der Leitung seines ersten Dirigenten, dem Lehrer Nikolaus.

Schon 6 Wochen später konnte der Chor zu seinem Gründungsfest zwei Lieder zum Vortrag bringen und Gastchöre aus Gussow, Halbe, Königs Wusterhausen, Schenkendorf und Zeesen begrüßen. Der Chor wirkte dann alljährlich bei den Maifeierlichkeiten mit und machte am Himmelfahrtstag seine Herrenpartien, unter anderem zu Fuß nach "Tornows Idyll". Dazu steht im Protokollbuch: "Diese Herrenpartien verliefen urgemütlich. Beide Male wurden wir naß, die meisten Sangesbrüder aber von innen!"

Wanderung durch die Sutschke 1925

Die weitere Geschichte des Chores in unserem kleinen märkischen Dorf spiegelte immer wieder die großen Ereignisse der Welt wieder. Zu Pfingsten 1927 konnte der Verein aus wirtschaftlichen Gründen nicht am Gausängerfest teilnehmen - 50% der Sänger waren arbeitslos. Der Kassenbestand des Chores betrug 134,- Mark - allein der Chorleiter kostete monatlich 25,- Mark. Hierzu heißt es im Protokollbuch: "Der Vorsitzende nahm das Wort und teilte mit, dass der Vereinswirt Wilhelm Piesker einen Teil der unserem Vereinsdirigenten obligatorisch zustehenden 3 Glas Bier auf eigene Rechnung nimmt!"

Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz - immer wieder liest man von gelungenen Auftritten des Vereines in dieser Zeit. So wurde 1927 zur Sportplatzeröffnung gesungen, 1929 im Genesungsheim für die alten Insassen, im gleichen Jahr fand das Bezirkssängerfest in Groß Besten statt. Alljährlich gab es Maskenbälle und Stiftungsfeste.

Programm zum 7. Stiftungsfest

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise und der politischen Ereignisse Anfang der 30iger Jahre nahm die Mitgliederzahl des Chores immer mehr ab. So entschloß man sich 1931, den Männer- in einen Gemischten Chor umzuwandeln, um weiter singefähig zu sein. 1933 wurde das gesamte Notenmaterial des Chores beschlagnahmt und der vorwiegend aus SPD-Mitgliedern bestehende Vorstand komplett abgesetzt. Nach Wahl eines politisch neutralen Vorstandes erhielt der Chor dann einen Teil des Notenmaterials zurück - allerdings war "politisch bedenkliches Liedgut" aus den Notenbüchern herausgeschnitten. Die Gesangsstunden standen zeitweise unter Aufsicht der neuen Machthaber. Trotz dieser Widrigkeiten gab man nicht auf! So wurde 1936 gemeinsam mit dem Gemischten Chor "Lerche" ein gelungenes Konzert in der Singakademie Berlin veranstaltet. Beim Wertungssingen der Gemischten Chöre des Bezirkes in Märkisch-Buchholz wurde der Gemischte Chor Bestensee mit dem Prädikat "Sehr Gut" bewertet.

Der Kriegsbeginn setzte der Chorarbeit dann jedoch vorerst ein Ende. Mitte 1940 wurden der Dirigent und weitere Vereinsmitglieder zur Wehrmacht eingezogen.  Das Vereinsleben mußte zwangsläufig ruhen.  Aber auch in dieser schweren Zeit hat sich der Verein nicht aufgelöst. Nach dem Kriegsende wurde die Vereinsarbeit Anfang 1946 als Männerchor wieder aufgenommen, und 1947 waren dann alle aus dem Krieg heimgekehrten Sangesbrüder wieder dabei. Unter der Leitung des Dirigenten Herrn Borchert ging es musikalisch aufwärts. Das bewog wohl viele junge Männer zum Beitritt, denn der Verein konnte seine Stärke in den Jahren 1950 bis 52 auf fast 40 Mitglieder steigern - von solchen Zahlen träumen wir heute!

Jedoch sollte die Freude nicht lange wären. Der Dirigent musste wegen der Übernahme des Pfarramtes den Taktstock niederlegen. In der Folge blieben viele Mitglieder dem Verein fern, und er drohte auseinanderzufallen. Hier übernahmen nun die jungen Sänger die Initiative und bauten den Verein neu auf. In Herrn Proffert wurde ein neuer Dirigent gefunden, und unter dem Vorsitz der unvergessenen Sangesfreunde Erich Newin und Werner Rust ging es bergauf. Viele gemeinsame Erlebnisse verbanden die Sänger - traditionell fanden die Himmelfahrtsausflüge statt, 1955 verlor der Chor im Fußball gegen die Alten Herren Bestensee 0:1, im gleichen Jahr veranstalteten die Sänger ihr erstes Rosenbaumfest. Auftritte führten den Chor in jenen Jahren nach Töpchin, Motzen, Schenkendorf und Mittenwalde sowie ins Bestenseer Altersheim. Gemeinsame Veranstaltungen wurden auch mit der Turnersparte Bestensee durchgeführt.


 Auftritt in Neue Mühle 1951

Im Jahre 1959 musste der Verein aus finanziellen Gründen auf beliebte Traditionen, wie Maskenbälle und das Rosenbaumfest verzichten. Ende 1962 sang der Chor am Grabe seines langjährigen Dirigenten Josef Proffert. Nun war die Dirigentenfrage, welche dem Verein in seiner Geschichte häufig Probleme bereitet hatte, wieder offen. Ein Glückstreffer war es dann schon, als 1963 der weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannte Chormeister Günter Schröder den Taktstab übernahm. Unter seiner künstlerischen Leitung hat sich der Chor in den folgenden 30 Jahren kontinuierlich entwickelt.

Günter prägte in den folgenden 30 Jahren den Chor nachhaltig. Unter seiner Leitung wurde der Männerchor Bestensee weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Die künstlerische Entwicklung gipfelte mit der Verleihung des Titels „Hervorragendes Volkskunstkollektiv der DDR“ im Jahre 1987. Dieser Titel wurde nicht, wie so mancher andere in der DDR, inflationär vergeben, und Sänger und Dirigent waren zu Recht stolz darauf!

In den 60er Jahren war die schlimmste Not der Nachkriegsjahre überwunden. Ein bescheidener Wohlstand konnte aufgebaut werden, und mit diesem einher ging die zunehmende Freude an fröhlicher Geselligkeit. Diese positive Entwicklung machte selbstverständlich nicht vor dem Chor halt, im Gegenteil trug dieser sehr aktiv zu Freude und Frohsinn bei. Ehemalige Chortraditionen wurden neu belebt und neue Traditionen entwickelt.

Am ehesten kamen noch die Himmelfahrtsausflüge der eingangs erwähnten Bierseligkeit nahe. Aber auch hier hatten die Götter vor den Preis den Fleiß gesetzt - anstrengende Wanderungen oder kräftezehrende Fahrradtouren waren zu absolvieren, bevor ein „kühles Blondes“ Labung schenkte. Da waren gelegentliche Kremserfahrten schon eine Erholung. Aber in jedem Fall: ohne fröhliche Lieder ging kein Ausflug zu Ende!

Himmelfahrt 1956

Eine weitere, leider inzwischen eingeschlafene Tradition waren die Pfingstfrühkonzerte. Das erste fand 1969 in der Anglerkantine am Pätzer Hintersee statt. In den ersten Jahren waren das tatsächlich FRÜH-Konzerte, sie begannen schon gegen 7 Uhr! Später verschob sich der Beginn allerdings auf Wunsch der Sänger, ihrer Familien und natürlich des Publikums nach hinten und meist wurde dann gegen 10 Uhr angestimmt.

Pfingsten 1969 Gaststätte Seeblick Bestensee

Ein Höhepunkt des Chorlebens war und ist heute noch die Vorweihnachtszeit. Unser traditionelles Adventskonzert in der Bestenseer Dorfkirche ist immer sehr gut besucht und bereitet unserem Publikum, aber auch uns selber viel Freude.

Die Weihnachtsfeier des Chores ist dann alljährlich der Abschluß des Chorjahres und mit viel Spaß und so mancher lustigen Einlage verbunden. Sehr beliebt sind unsere Männermodenschauen, besondere Gesangsdarbietungen und Sketche bereichern das Programm.

Zeitweise besaß der Chor sogar eine eigene Tanzkapelle - die „Herzbuben“, die vielen älteren Bestenseern sicher noch in guter Erinnerung ist.

Männermodenschau 1978

Weitere Traditionen haben sich erst in jüngerer Zeit entwickelt. Seit der Wende hat sich in Bestensee ja vieles verändert. Auch am Chor ging diese nicht spurlos vorüber. Infolge der Ereignisse, Arbeitslosigkeit einiger Mitglieder und allgemeiner Orientierungslosigkeit ruhte die Vereinsarbeit etwa ein halbes Jahr. Nach und nach fanden die Sänger aber wieder zusammen, nicht zuletzt aufgrund der rührigen Arbeit des Vorstandes. Am 14.10 1991 wurde der Chor beim Amtsgericht Königs Wusterhausen als "eingetragener Verein" registriert.

Seitdem erschlossen sich dem Chor viele neue Auftrittsstätten und - anlässe. So beginnt seit einigen Jahren das Sängerjahr mit der Teilnahme am Knutfest beim Königlichen Forsthaus. Das Forsthaus ist noch öfter im Jahr Ort unserer Darbietungen, sei es zum Schleusenfest, gelegentlich auch zum Dorffest und zur Märchenweihnacht in der Adventszeit.

Da Bestensee seit einigen Jahren einen Weinberg besitzt, sind Auftritte dort natürlich im festen Programm des Chores. Hier bieten sich Vorträge von Trink- und Weinliedern ja geradezu an. Weinbergfest und Federweißerfest werden nun seit Jahren von unserem Chor sowie den mit uns befreundeten „Freien Sängern“ aus Zernsdorf begleitet.

Federweißerfest 2016

An vielen weiteren Stellen in Bestensee kann man den Chor erleben, so zum Beispiel auf der Dorfaue zur Eröffnung des Ostermarktes, beim Hotel „Sutschke-Tal“ und in der Landkost-Arena zu diversen Veranstaltungen.

Aber zurück zur Dirigentenfrage. Diese war mit dem gesundheitsbedingten Ausscheiden von Günter Schröder 1993 wieder vakant. In der Folge wurde der Männerchor von Dirigentinnen geleitet, vor allem 17 Jahre lang sehr einfühlsam und engagiert von Ingrid Teltow. Seit dem Jahre 2015 steht mit Matthias Deblitz wieder ein Mann an der Spitze.

So gerne wir unseren Gesang in der Öffentlichkeit präsentieren, noch schöner ist es, wenn mehrere Chöre zusammenkommen. Die im Abstand von 2 Jahren durchgeführten Kreischorkonzerte bieten gute Gelegenheiten, andere Chöre zu hören, Erfahrungen auszutauschen und alte Freundschaften zu erneuern.

Besonders enge und herzliche Kontakte verbinden uns mit dem Männerchor aus unserer Partnergemeinde Havixbeck. Aus einem ersten, vorsichtigen „Beschnuppern“ 1992 entwickelte sich ein tolles Freundschaftsverhältnis mit wechselseitigen Besuchen und Auftritten zu den jeweiligen Jubiläen. Auch zu unserem 95. Chorjubiläum im nächsten Jahr wird dieser hervorragende Chor wieder in Bestensee zu hören sein.

Und damit kommen wir vorerst zum Abschluß unseres kurzen Ausfluges in die Geschichte des Bestenseer Chores. Ein Ende jedoch der Chorarbeit in Bestensee ist dies nicht - wir haben noch viel vor und wollen noch viele Jahre unser Publikum erfreuen.

Wir wünschen uns, daß noch viele an Gesang und Frohsinn interessierte Männer den Weg zu uns finden. Sie sind immer herzlich willkommen zu einer (oder mehreren) „Schnupperstunden“ zu unseren Chorproben freitags ab 19 Uhr im Gemeindesaal, Eichhornstr. 4-5 in Bestensee!